Die 2015 gegründete AG Partizipations- und Fanforschung der GfM lud am 25.09.2017 zu ihrem zweiten Workshop in die Universitätsstadt Marburg ein. Die wissenschaftliche Reise führte von Rilke zum A-Team, über Heroes und Moonlight bis zur Spionageserie Rubicon; Fan-Kulturen und Fragmente standen bei allen vier Vorträgen von Medienwissenschaftler_innen aus Marburg, Konstanz und Seoul im Mittelpunkt.

Zuschauerethnografie ex post? Zur methodischen Herausforderung der Beforschung nicht mehr aktiver Fankulturen

Selbst Forschung wird zum Fragment, wenn Quellen nicht mehr zugänglich sind. Manchmal sind Fan-Phänomene schon vorbei, wenn sie den Forschenden ins Auge fallen. Es sind dann Online-Artefakte wie verwaiste Fanseiten oder Fanfiction zu längst eingestellten Serien, die von vergangenen Leidenschaften zeugen. Dr. Sophie G. Einwächter von der Philipps-Universität Marburg stellte ihre ethnografische Arbeitsweise am Beispiel der nach einer Staffel abgesetzten Mystery-Serie Moonlight (2007-2008) vor. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit vergangenen Fankulturen ist ein Schritt weg vom Aktualitäts-Druck medienwissenschaftlicher Forschungsinstitute und eine Gegenposition zu den teilweise von der Industrie diktierten Wissenskonjunkturen.

Einwächter schlägt vor, bei einem wissenschaftlichen Interesse an vergangenen Fan-Phänomenen zwischen einer Medienarchäologie, die hauptsächlich mit medialen Artefakten arbeitet (wie z.B. alten Fansites oder Fanficiton), und einer Ethnografie ex Post zu unterscheiden: letztere ergänze die Arbeit mit Artefakten um die Perspektive derer, die sie erstellt und geteilt haben.

Die längerfristige teilnehmende Beobachtung ist integraler Bestandteil einer Ethnografie und sorgt für das Entstehen von Immersion beim Forschenden und zum besseren Verständnis der Fankultur. Der direkte Kontakt zu den Akteur_innen der Fankultur ist von essenzieller Bedeutung für diese wissenschaftliche Arbeitsweise. Ergänzend findet die Auto-Ethnografie statt, die Auseinandersetzung mit sich selbst während der Forschungsarbeit und dem immersiven Eintauchen in die Welt der Fans.

Sich im Nachhinein einer Fankultur anzunähern, ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden, denn mögliche Quellen können nicht mehr vorhanden sein bzw. sich gewandelt haben; gerade bei Internetquellen ist dies sehr häufig der Fall. Am Beispiel von Moonlight stellte Einwächter dar, dass die meisten Fan-Sites bis ins Jahr 2012 noch vorhanden waren und sich deren Anzahl danach Stück für Stück verringert hat. Erklärbar ist dies durch die Tatsache, dass je mehr Zeit nach Beendigung der Fernsehserie verstreicht, desto mehr das Fandom abnimmt oder sich verändert. Was in einigen Fällen von solchen Fan-Sites und -Foren übrig bleibt, sind Screenshots der einzelnen Internetseiten in Online-Archiven (z.B. Wayback Archive Machine). In solchen Archivaufnahmen sind jedoch nicht alle Ebenen der Webseite verfügbar, das heißt, Links können bspw. nicht mehr geöffnet werden. Auch Fans selbst legen digitale oder analoge Archive an, doch ist man bei der wissenschaftlichen Arbeit mit solchen Quellen eingeschränkt, wenn Fans nur bestimmte Infos archivieren oder freigeben; die Dauer ihrer Verfügbarkeit ist zudem unklar, da meist durch individuelle Investitionen gesichert.

Unerwartete Forschungsmöglichkeiten eröffnen kommerzielle Produkt(verkaufs)plattformen wie z.B. Amazon, die durch ihre Bewertungs- und Rezensionsfunktion eine Quellengrundlage bieten: Sie archivieren nicht nur das Interesse der Fans am untersuchten Gegenstand, sondern auch Zeitzeugenberichte und Empfehlungen – anders als Foren werden diese Artefakte nicht gelöscht, da der Seitenanbieter dadurch profitiert und kein Interesse am Löschen dieser Kommentare hat.

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Vera Cuntz-Leng und Vincent Fröhlich

Serienfragmente: Ein Werkstattgespräch

Dr. Vera Cuntz-Leng und Dr. Vincent Fröhlich von der Philipps-Universität Marburg arbeiten an einem Sammelband zum Thema Serienfragmente, dabei stehen frühzeitig abgesetzte Fernsehserien im Mittelpunkt. In einem Werkstattgespräch berichten sie von theoretischen Grundlagen und Auswahlkriterien der Beiträge und geben einen Überblick über die thematischen Schwerpunkte des Bandes, der Artikel zu 27 Serienfragmenten von Wissenschaftler_innen aus Deutschland, Österreich und Seoul vereint; es wird ein zeitlicher Rahmen von 1967–2014 abgedeckt. Während der Recherchearbeit für den Band fanden die Herausgeber_innen über 100 Serienfragmente ‒ und die Zahl steigt stetig.

Frühzeitig abgesetzte Serien und ihre Fans stehen ebenso wie die Begriffe ‚Serialität‘ und ‚Fragment‘ in einem besonderen Verhältnis zueinander. In der wissenschaftlichen Betrachtung finden viele eingestellte Serien nur sehr wenig Beachtung im Vergleich zu erfolgreichen Serien, die einen Abschluss haben (z.B. The Sopranos oder Mad Man). Serien bleiben über den längeren Produktions- und Publikationszeitraum zwangsläufig unvollendet, das macht ihre Dynamik aus. Vieles spricht dafür, Serie und Fragment zusammen zu denken, denn der Serie fehlt bis zu ihrem Abschluss ein Rahmen, wodurch sie meistens erst mit Abschluss der letzten Episode als Ganzes bewertet werden kann.

Anhand der Definitionen von Frank Kelleter und Glenn Most verknüpfen die Herausgebenden die zwei Begriffe ‚Serialität‘ und ‚Fragment‘. Bei der Frage nach dem Fragment muss sich Klarheit darüber verschafft werden, auf welche Einheit man sich beziehen soll (Episode, Staffel, Serie oder gar die Produktionsplanung). Auch beschäftigen die Herausgeber_innen drei Faktoren bei ihrer Arbeit an dem Sammelband: das Verhältnis von Fan und Wissenschaftler_in. Wie stark muss zwischen eigener Begeisterung für das Serienfragment und wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Gegenstand unterschieden werden? Ebenso wurde von Cuntz-Leng und Fröhlich problematisiert, dass die Werkauswahl der Autor_innen des Bandes nationale und genrespezifische Tendenzen zeigt (bspw. finden sich im Band vorwiegend US-amerikanische Serien).

Das Verhältnis zu eingestellten Serien wandelt sich durch die Etablierung von Streaming-Diensten, welche zu ‚Serien-Rettern‘ werden, indem sie bereits abgesetzte Serien in Eigenproduktion weiter- und gegebenenfalls zu Ende führen. Streaming-Anbieter haben weniger Risiko bei der Gestaltung ihres Repertoires als Fernsehsender, da die Fan-Gemeinschaft bereit ist, Gebühren für die Dienste zu bezahlen. Dadurch wissen die Dienste, welche Serien die Fans anlocken und können größere Beträge in deren Produktion stecken. Auch führen frühzeitige Absetzungen von Serien bei Fans zu einer verstärkten Kommunikation. Häufig sind Fragmente in anderen Ländern nur durch Fanarbeit verfügbar, weil Verleihe weniger Interesse an fragmentarischen Serien haben. Sollten sie doch auf dem weltweiten Markt für die Heimdistribution erscheinen, ist häufig die Qualität bei älteren Serien schlecht. Gekauft werden sie von den Fans trotzdem, doch lässt der Hype nach dem Home-Release in vielen Fällen nach.

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Steffen Hantke

Rubicon und fragmentarisches Erzählen: Populäre Genres und das Serienformat des Fernsehens

Rubicon gehört zu den Serien, die es nie auf mehr als eine einzige Staffel geschafft haben, wie Dr. Steffen Hantke von der Sogang University Seoul ausführt. Er vergleicht zunächst den Begriff des Fragments mit möglichen Synonymen wie Leerstelle und Lücke und unterscheidet anschließend die Ellipse (eine erwünschte Lücke) mit dem Fragment (eine unerwünschte Lücke), wobei es jeweils bei den Produzent_innen und Konsument_innen zu verschwimmenden Meinungen darüber kommt, wann die Lücke erwünscht ist und wann nicht. Mehrere Überlegungen dienen Hantke als Arbeitsgrundlage: 1. Fans wollen sich in den Text/Diskurs einbringen. 2. Freie Stellen sind Einladungen für Fans, diese zu füllen, wobei es zu Mehrdeutigkeiten unter den Fans beim Schließen dieser Lücken kommen kann, da der Zweck dahinter nicht das Abschließen des Textes, sondern die Weiterführung in alle möglichen Richtungen ist und der Originaltext retrospektiv als Fragment bestehen bleibt. 3. Freie Stellen entstehen aus autorialer Absicht oder aus dem Kontext des Textes heraus. 4. Fans brauchen Lücken im Text, da diese die Begeisterung verstärken. 5. Industrien betonen den Fragmentcharakter ihrer Produktionen, da auch diese finanziellen Gewinn erzeugen können. Es entwickelt sich eine Ästhetik um den Text herum, dabei wird die Fankultur kommerziell ausgenutzt. 6. Der Fragmentcharakter muss mit der Ästhetik der Serie übereinstimmen (Bezug zum Flow). 7. Das Fragment ist ein Stilmittel der populären Erzählkultur, da Erzählungen nicht mehr klar von Anfang bis Ende erzählt werden. Die Struktur der klassischen Erzählung ist für Fernsehserien untypisch, da diese eher auf Endlosigkeit ausgerichtet sind. Durch Veränderungen der US-amerikanischen Fernsehgewohnheiten wird das Fragmentarische immer mehr in den Vordergrund gerückt.

Die immer stärker aufkommende Franchise-Kultur zerstört die Lücken, welche Fans nicht mehr füllen können. Dies schränkt das Fandom ein, da die Produzenten nun gezielt die offenen Lücken selbst füllen. Heutzutage gibt es lizensierte Merch-Produkte, früher wurden diese von einer kleinen Gruppe von Fans hergestellt. Doch selbst wenn die Industrie bestimmte Lücken füllt, gibt es noch weitere Lücken oder es werden durch das Verschließen bestehender Lücken neue Lücken geöffnet, die das Einbringen der Fans erneut bedingen.

Schon der Vorspann der Spionage-Serie Rubicon ist eine Darstellung des Fragments, die am Ende auf das Serienfragment oder auf das Fragment im Allgemeinen hindeuten kann. Diese Ausstellung des Fragmentcharakters band direkt nach der Ausstrahlung und frühzeitigen Absetzung eine Fan-Base an Rubicon. Hantke sieht die Qualität dieser Serie gerade im Fragmentcharakter, die Serie ist für ihn gerade dadurch besser als mit einem abgeschlossenen Ende. Der unerwartete Abbruch von Rubicon nach nur einer Staffel setzt einen gezielten Blick auf die offengelassenen Lücken. Dies führt zu einer vertikalen Erweiterung, welche durch die Fan-Base weiter in ihrer Bedeutung aufgeladen wird.

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Anne Ganzert

Das Fragment als gemeinschaftsstiftendes Element in Heroes

Die Produktion und Distribution von Heroes erfolgt(e) derartig fragmentarisch, dass die Serie und ihre Fortsetzung Heroes:Reborn selbst als Fragmente eines Gesamtnarrativs lesbar sind ‒ dies ist die Meinung von Dr. des. Anne Ganzert, welche unter anderem über dieses Thema ihre Dissertation an der Universität Konstanz verfasste.

Der Heroes-Schöpfer Tim Kring bezeichnet sich selbst als ‚Herr des Fragments‘ und setzt den Slogan der Serie „We are all connected!“ auf verschiedene Weise um – dabei bezieht er sich nicht nur auf die Serienfiguren, sondern auch auf die Fangemeinschaft. Nach dem Absetzen der ersten Serie entwickelte sich die Fangemeinschaft mit der Zeit zu einem schlafenden Fandom, welches durch die Ankündigung der zweiten Serie Heroes:Reborn wiedererweckt wurde. Schon bevor die Serienfortsetzung ausgestrahlt wurde, gab es ein Prequel zu Heroes:Reborn in Form einer App, die als exklusive Zwischenstaffel diente und die zeitliche Lücke zwischen den beiden Serien schließen sollte. Diese Prequel-Elemente blieben nicht lange exklusiv für App-Benutzer, da die Inhalte von Fans im Internet verbreitet und so für alle Menschen zugänglich gemacht wurden. Heroes:Reborn wurde als Event-Serie angekündigt, also als keine langläufige Serie, sondern als Miniserie mit klarem Abschluss. Kring lässt die Weiterführung der Geschichte auf verschiedenen Medien für die Zukunft offen (möglicher Kinofilm, etc.).

Heroes-Episoden sind durch das Transmedia Storytelling fragmentarisch geworden. Elemente stehen in Wechselwirkung zueinander. Die Relevanz der Verbindungen der einzelnen Elemente miteinander ist immer von Bedeutung (An- bzw. Rückknüpfungen). Der Buch-Charakter der Serien (keine Episoden, sondern Kapitel; keine Staffeln, sondern Bücher) unterstützt die Fragmentbezogenheit beider Serien und deren transmedialen Produkte. Serie eins und zwei bleiben Mittelpunkt, um den sich alle transmedialen Elemente anordnen. Diskussion wird von den Produzent_innen und Elementen immer angeregt, doch es gibt nur wenige Möglichkeiten für eine Partizipation, da Kring als übergeordneter Autor des Heroes-Universums alles steuert. Vorteil: Man braucht weniger Details, um eine Geschichte zu erzählen, da die Produzenten keine Lücken offenlassen. Zusätzliche Elemente sind nicht zwingend notwendig, um die Handlungen der Serien zu verstehen, sondern sie helfen lediglich dabei, mehr zu verstehen. Dadurch ist aber auch alles durchgehend ein Fragment, da kein Schluss durch diese Erzählmöglichkeit möglich ist. Fragment ist also hier keine Drohung, sondern ein Versprechen an die Fans. Fan-Fiction wird durch dieses Transmedia Universe beschränkt, da es vorformatierte Kanäle von Produzentenseite gibt, die das Bedürfnis selbst füllen.

Am Beispiel von Heroes und Heroes:Reborn wird deutlich, dass Teilhabe eine Bedingung für Partizipation ist, wodurch das Transmedia Universe der Serien ein Element der Partizipation darstellt. Der Fan kann nicht selbst etwas verändern.

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Organisatorisches: Im Ausblick auf den kommenden Workshop der AG Partizipations- und Fanforschung der GFM im Jahr 2018 besteht die Möglichkeit, Themenvorschläge an die Arbeitsgruppe heranzutragen. Außerdem wird die Einladung zum Workshop ‚Fans/Comics‘ ausgesprochen, welcher 2019 in Kooperation mit der AG Comicforschung an der Universität zu Köln stattfinden wird.

(Bericht & Fotos: Lutz Steinle)

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