Workshop der AG Partizipations- und Fanforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft e.V. am 25. September 2017 an der Philipps-Universität Marburg, Wilhelm-Röpke-Str. 6 A, Raum 08A07

Fragmente verweisen immer auf ein Ganzes: „Das Fragment, ob es sich von der Totalität abstößt oder auf sie integrativ bezieht, ist von ihr unabhängig nicht zu denken“ (Dällenbach/Hart Nibbrig). Fans wiederum verweisen oft darauf, dass sie Teil eines größeren Zusammenhangs sind, einer Gemeinschaft, die sich um den Text oder das Fanobjekt herum formiert hat, aber keineswegs als homogen zu verstehen ist: Soziale Dynamiken und Hierarchien tragen zur Diversifizierung, zuweilen auch Zersplitterung von Fangemeinschaften bei. Fans schätzen ein Werk, kennen es bis ins Detail, spielen in ihren Beiträgen mit dessen Bestandteilen und Charakteristiken sowie den Lücken, die das jeweilige Narrativ gelassen hat. Hierbei erschaffen sie einen „Meta-Text“ (Jenkins), der die Grenzen des Originals überschreitet und zu erweitern vermag. Das Unvollständige ist hierbei Chance und Bedrohung zugleich: So problematisch eine eingestellte Serie etwa für den Fortbestand einer Fangemeinschaft sein mag, so einladend mögen vernachlässigte Handlungsstränge auf Fanfictionschreibende wirken.

Der Workshop lädt dazu ein, die Begriffe ‚Fan‘ und ‚Fragment‘ produktiv zusammenzudenken und zu operationalisieren: Welchen Status nehmen Fanbeiträge ein, wenn sie im Kontext eines gedachten Ganzen gesehen werden? Ist gar der Fragmentcharakter ontologischer Bestandteil des Bezugsbegriffs ‚Fan‘? Welche Erkenntnisse ergeben sich, wenn Fanbeiträge als ein ‚Auffüllen oder Ausfüllen‘ und damit als dezidiert fragmentarisch betrachtet werden?

 

 

Programm (Kurzfassung)

11–12:00 Uhr                      Begrüßung

Sophie G. Einwächter (Marburg)

Zuschauerethnografie ex post? Zur methodischen Herausforderung der Beforschung nicht mehr aktiver Fankulturen

 

12–13:00 Uhr                     Vera Cuntz-Leng & Vincent Fröhlich (Marburg)
Serienfragmente: Ein Werkstattgespräch
13–14:30 Uhr                     Lunch

 

14:30–15:15 Uhr              Steffen Hantke (Seoul)
Rubicon und fragmentarisches Erzählen: Populäre Genres und das Serienformat des Fernsehens

 

15:15–16:00 Uhr              Anne Ganzert (Konstanz)
Das Fragment als gemeinschaftsstiftendes Element in Heroes

 

Programm (Langfassung)

 

11–12:00 Uhr                      Begrüßung
Sophie G. Einwächter (Marburg)
Zuschauerethnografie ex post? Zur methodischen Herausforderung der Beforschung nicht mehr aktiver Fankulturen

Manchmal sind Fan-Phänomene schon vorbei, wenn sie den Forschenden ins Auge fallen. Es sind dann Online-Artefakte wie verwaiste Fanseiten oder Fanfiction zu längst eingestellten Serien, die von vergangenen Leidenschaften zeugen. Viele Beiträge der Cultural Studies, die zu TV-Serien und Serienfandoms verfasst wurden und in theoretischer Hinsicht Standardwerke darstellen, arbeiten mit Beispielen, die heutigen Zuschauer_innen längst nicht mehr geläufig sind (man denke etwa an die 1980er Jahre Serien, die in John Fiskes Television Culture Besprechung finden). Hier verschaffen manche Überreste online noch Einblick in die Rezeption der Fans erster Stunde: Alte Blogs, digitalisierte Fanvideos, die ursprünglich per VHS-Rekorder aufgenommen und montiert wurden. Der Blick auf diese ist ein regelrecht archäologischer, der auf Brüchiges und Verfallenes trifft, Kontext recherchieren und interpretieren muss, um Sinn zu konstruieren. Eine ethnografische Untersuchung im Nachhinein stellt ein methodisches Wagnis dar, da sie sich nur auf archiviertes Material und Erinnerungen von Akteur_innen stützen kann und somit allenfalls lückenhafte Beweisführung betreibt. Das Versprechen, das solches Material bietet, kann jedoch verheißungsvoll sein: Ein Blick auf alte Leidenschaften früherer Zuschauer_innen haucht auch den alten Medien neues Leben ein.

Ausgehend von der Recherche zu einem Fandom, das nur kurze Zeit und zu einer mittlerweile eingestellten Serie aktiv war (Moonlight USA 2007-2008, CBS), eröffnet der Beitrag die Diskussion um Möglichkeiten einer Publikumsethnografie ex post und thematisiert ihre Abgrenzung zu einer Archäologie von Fankultur anhand medialer Artefakte. Es soll diskutiert werden, welchen historischen Stellenwert die Internetarchivierung für rekonstruktive Ansätze der Publikumsforschung besitzen kann und welche möglichen Quellen – von Fanfiction bis Produktrezensionen auf Verkaufsplattformen – bedeutungstragende Artefakte sein können.

 

12–13:00 Uhr                      Vera Cuntz-Leng & Vincent Fröhlich (Marburg)
Serienfragmente: Ein Werkstattgespräch

Frühzeitig abgesetzte Serien und ihre Fans stehen ebenso wie die Begriffe ‚Serialität‘ und ‚Fragment‘ in einem besonderen Verhältnis zueinander. Dies möchten die beiden Herausgeber_innen des geplanten Sammelbandes Serienfragmente in diesem Werkstattgespräch diskutieren, insbesondere hinsichtlich der Frage danach, wie mit diesem Themenkomplex und seinen Begrifflichkeiten in der Publikation umgegangen werden soll/wird. Eine zentrale Frage der Diskussion wird sein, ob und inwiefern eingestellte Serien nicht viel eher dem Prinzip der Serialität und Endlosigkeit entsprechen, gerade weil sie unvollendet bleiben und auf diese Weise besonders aktivierend auf den Rezipierenden wirken können: So haben beispielsweise My So-Called Life oder Firefly ein langes, reges und vielfältiges Nachleben durch Fan-Aktivitäten und in den Diskursen erhalten.

Zudem soll der Begriff ‚Fragment‘ mit dem der ‚Serialität‘ zusammengedacht werden. Serien bleiben über den längeren Produktions- und Publikationszeitraum zwangsläufig unvollendet. Können also Serien überhaupt als Fragmente gesehen werden, wenn der klassische Werkbegriff bei ihnen nicht greift und dementsprechend auch einzelne Folgen nur bedingten Werkcharakter aufweisen? „Sich Einzeltexte [von Serien] anzuschauen, ergibt oft keinen Sinn, sie bleiben in ihren elementaren Praxen unverständlich, wenn sie als Werke gelesen werden, eben weil sie sich nicht wie Werke verhalten“ (Kelleter, Frank: „Populäre Serialität.“ In: ders. [Hg.]: Populäre Serialität: Narration ‒ Evolution ‒ Distinktion. Bielefeld: transcript, 2012, S.15). Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch: Selbst wenn sich Serien nur bedingt als Werke und damit als Fragmente bezeichnen lassen, so fehlt offenkundig den Serienfragmenten ein Ende ‒ es fehlt der abschließende Rahmen, der die Serie als vollendet und damit als ‚Kunst‘ im idealtypischen Sinne deklariert. Insofern ließe sich fragen, ob den Serien ihre eigene Fragmentarität, ihr eigenes stetes Werden bewusst ist und welche Konsequenzen sich hieraus für die Beziehung von Rezipierenden – und Fans in ihrer am stärksten involvierten Form – zum Fan-Objekt ergeben.

 

13–14:30 Uhr                     Lunch

 

14:30–15:15 Uhr       Steffen Hantke (Seoul)
Rubicon und fragmentarisches Erzählen: Populäre Genres und das Serienformat des Fernsehens

Trotz positiver Kritiken wurde die US-Serie Rubicon 2010 vom Sender AMC nach nur einer Staffel frühzeitig abgesetzt. Sowohl die Serie als auch ihre verfrühte Absetzung bieten Einblicke in die Rolle von fragmentarischen Erzählstrukturen im Medium des Fernsehens und im Format populärer Genres (in diesem Fall des Spionagethrillers), sowie in die Interaktionen von Text und Publikum vor diesem Hintergrund. Da die Absetzung der Serie unerwartet kam, blieb die übergreifend angelegte Handlung ohne Abschluss; Komplettierung konnte bestenfalls angedeutet, nicht aber ausgeführt werden. Im Hinblick auf das Genre, in dem Rubicon agiert — dem Spionagethriller in der literarischen Tradition John Le Carrés und der cinematischen Tradition Alan Pakulas — trägt der vorzeitige Abbruch der Handlung dazu bei, die allgegenwärtige Atmosphäre von Paranoia weiter zu vertiefen. Ungewissheit und Unschärfe von Ereignissen und Motivation konnten von den Fans der Serie als Einladung gelesen werden, nicht nur interpretatorisch an der Vertiefung der Ereignisse mitzuarbeiten, sondern auch an ihrer spekulativen Fortführung, immer unter der Annahme, dass Details auf etwas hinwiesen, dass noch nicht oder nicht mehr ausgeführt werden konnte. Diese Fragmentierung führte dazu, dass Rubicon, in bescheidenem Maße, zum Status von ‚Kult TV’ avanciert ist — eine Lesart, die gleichzeitig gegen die Absichten ihrer Macher verstieß, jedoch die Serie in einem völlig neuen Kontext reproduzieren sollte. In größeren Zusammenhängen wirft dieser Prozess die Frage auf, inwiefern das Format der Serie — in keinem anderen Medium so zentral wie dem des Fernsehens — an sich fragmentarisches Erzählen bevorzugt: von Segment zu Segment, Episode zu Episode, von Staffel zu Staffel. Der zweite Kontext, vor dem Rubicon als Kult TV erscheint, definiert sich aus dem Geflecht von populären Genres, in dem die Serie sich bewegt. Haftet diesem Geflecht — bestehend aus koexistierenden Genres, zwischen denen trotz aller Abgrenzung ständig Informationen ausgetauscht werden — an sich ebenfalls etwas grundsätzlich Fragmentarisches an? Letztendlich führen diese Fragen zur Rezeption der Serie als Kult, zum Medium und zum Genre zurück zur Rezeption der Serie durch ihr Publikum und die Frage: Wie werden durch Fragmente Zuschauer zu Fans?

 

15:15–16:00 Uhr              Anne Ganzert (Konstanz)
Das Fragment als gemeinschaftsstiftendes Element in Heroes

Die Produktion und Distribution von Heroes erfolg(t)e derartig fragmentarisch, sodass die Serie und ihre Fortsetzung Heroes:Reborn selbst als Fragmente eines Gesamtnarrativs lesbar sind. Durch die implementierten Transmedia-Strategien wird den Fans eine Vollständigkeit des nur durch Fragmente zugänglichen Heroes-Narrativs versprochen. Diese kann und will die Serie allerdings nicht liefern. Jedoch können und sollen sich die Rezipient_innen dieser vermeintlichen Vollständigkeit durch den Konsum der (medial anders verfassten) Fragmente annähern oder zumindest im Austausch mit anderen miterleben – oder nacherleben. Der Vortrag wendet sich dem vielfach als fragmentarisch beschreibbaren Universum von Heroes als Objekt eines Fandoms und schließlich dessen Post-Object-Fandoms zu, und fragt, wie sich hier Fan-Gemeinschaft und Objekt reziprok beeinflussen oder gar bedingen.

 

 

 

 

Organisation: Dr. Vera Cuntz-Leng, Dr. Sophie G. Einwächter & Dr. Vincent Fröhlich

Institut für Medienwissenschaft

Philipps-Universität Marburg

Wilhelm-Röpke-Str. 6 A

35039 Marburg

Kontakt: https://partizipafans.wordpress.com

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