cropped-cropped-partizipafans_header2.pngAuch in diesem Jahr war die AG mit einem Panel auf der GfM-Tagung vertreten. Zwei Vorträge befassten sich entsprechend des Tagungsthemas – „Kritik“ – mit kritischen Praktiken innerhalb fankultureller Gemeinschaften. Obwohl im letzten Panel-Slot der Tagung eingeordnet, war das Panel gut besucht. Es wurde lebhaft und konstruktiv diskutiert. Ein herzlicher Dank an alle Anwesenden!

Der Panel-Ankündigungstext sowie die beiden Vortragsabstracts finden sich weiter unten. Der im Ankündigungstext genannte Beitrag von Sven Stollfuß musste leider aus Krankheitsgründen entfallen.

Panel: Kulturelle Partizipation durch (Medien)Kritik in sozialen Netzwerken

Moderation: Dr. Vera Cuntz-Leng

Digitale soziale Netzwerke und Web-basierte Applikationen fördern eine Vergemeinschaftung von Nutzer_innen über die Rezeption medialer Inhalte wie z.B. Serien und Filme. Sie bringen zudem eigene narrative Modi und mediale Formate der kritischen kulturellen Auseinandersetzung mit diesen Kulturprodukten hervor, und werden deshalb als mediale Innovationen oder kulturelle Errungenschaften gefeiert. Die AG Partizipations- und Fanforschung setzt sich in ihrem Panel aus medien- und kulturwissenschaftlicher Warte mit drei Fallstudien auseinander, die Kritik an, in, und mit Medien zum Gegenstand haben.

In Anlehnung an Nico Carpentiers AIP-Modell, das „access“, „interaction“ und „participation“ voneinander abgrenzt (2015), greift das Panel einen Partizipationsbegriff auf, der Mitbestimmung und Mitentscheiden innerhalb produzierender und rezipierender Kontexte voraussetzt. Die im Panel angesprochenen Beispiele thematisieren hierbei durchaus auch die beiden anderen Dimensionen des Carpentier’schen Modells, nämlich Zugang zu und Interaktion mit kulturellen Inhalten, wenn sie sich mit der Involvierung von Zuschauer_innen in transmedialen Produktionsprozessen (Stollfuß), mit fankultureller feministischer Kritik an Darstellungsmodi der Nacktheit innerhalb der TV-Serie Game of Thrones (Fehrle) und mit audiovisuellen Formen der Filmkritik in Fan- und Wissenschaftsgemeinschaften (Einwächter) auseinandersetzen. Hierbei werfen die Vortragenden auch eine der Grundfragen ihrer Arbeitsgruppe auf, nämlich ob die genannten Beispiele kritischer Auseinandersetzung tatsächlich kulturelle Mitbestimmung ermöglichen oder – sofern keine handlungsrelevanten, produktionspolitischen Konsequenzen aus ihnen erwachsen – echte Partizipation nur vorspiegeln.

Carpentier, Nico. „Differentiating between access, interaction and participation.“Conjunctions. Transdisciplinary Journal of Cultural Participation 2.2 (2015): 7-28.

Feministische Fankritik und kulturelle Macht in HBOs Game of Thrones

(Dr. des. Johannes Fehrle)

In den nach wie vor durch sein puritanisches Erbe geprägten USA ist der Pay-TV-Sender HBO einer der Vorreiter des ‚golden age of naked television’. Während die Kritik an fetischisierenden und objektivierenden Darstellungsformen im Film spätestens seit den 1970ern in der feministischen Filmanalyse etabliert ist, spielte sich solche Kritik in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem im universitären Umfeld ab und wurde allenfalls über die professionelle Filmkritik in eine breitere Öffentlichkeit getragen.

Mit dem Aufkommen digitaler sozialer Netzwerke sind derartige Kritiken in den letzten Jahren immer präsenter geworden und beeinflussen nun maßgeblich einen Teil der öffentlichen Diskussion sowohl in digitalen als auch analogen Sphären. Insbesondere die Adaption von George R.R. Martins Fantasy-Epos A Song of Ice and Fire, Game of Thrones (2011-), die mit ihrer häufigen Darstellung nackter weiblicher Körper sowie durch Vergewaltigungsszenen auffällt, ist hierbei zu einem Stein des Anstoßes in der Kritik vornehmlich weiblicher und feministischer Fans geworden. Obwohl diese Kritik zunächst im Internet formuliert, diskutiert und verbreitet wird, tritt sie auch in die traditionellen Medien ein, etwa ins Fernsehen (in satirisch verzerrter Form) in den Southpark-Episoden „A Song of Ass and Fire“ und „Titties and Dragons“ (beide 2013, USA, Comedy Central), sowie in die professionelle Presse, die ähnliche Positionen vertritt, welche in entsprechenden Onlineforen weiterverbreitet werden. Dies resultiert letztlich in der Konfrontation der GoT-Produzenten mit der Fankritik, etwa in der Game of Thrones Q&A Session der Comic Con 2015. Eine Untersuchung dieser Kontroverse um Game of Thrones soll an einem konkreten Fallbeispiel erörtern wie und inwieweit die Partizipationsmöglichkeiten der Netzöffentlichkeit die Verhandlung kultureller Macht zwischen Fans und Fernsehmachern bereits verändert haben und weiter in Veränderung begriffen sind.

Kurzbiografie:

Dr. des. Johannes Fehrle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Anglistischen Seminar der Universität Mannheim. Zuvor war er Mitarbeiter am Englischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo er im März 2012 seine Dissertation zu revisionistischen Westernromanen der USA und Kanadas verteidigte. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der kulturwissenschaftlichen Literatur- und Filmwissenschaft sowie der Adaptionsforschung und der Konvergenzkultur.

Sehen, mixen, kritisieren. Audiovisuelle Formen der Filmkritik in Fan- und Wissenschaftsgemeinschaften

(Dr. Sophie Einwächter)

Es mag offensichtlich erscheinen, dass Wissenschaftler_innen sich ebenso wie Fans dauerhaft und leidenschaftlich mit bestimmten Objekten und Inhalten auseinandersetzen (vgl. Roose et al. 2010), dennoch fühlen sich Akademiker_innen oftmals unwohl, wenn sie als Fans bezeichnet werden. Dem Fansein, so eine weit verbreitete Ansicht, wohne doch auch etwas Distanzloses, Unprofessionelles und nicht zuletzt Unkritisches inne, was in der Wissenschaft fehl am Platze sei.

Die Frage nach der Verquickung von Wissenschafts- und Fankultur erhält neuen Auftrieb durch populäre Formate der Wissensvermittlung, wie sie durch soziale Netzwerke und die Logik viraler Verbreitung angestoßen werden: In den letzten Jahren erfreut sich die Gattung des Video Essays (oder auch Audiovisual Essays) besonderer Beliebtheit in der Filmwissenschaft, denn hier wird Filmisches mit filmischen Mitteln besprochen und kritisiert. In der von den Akteur_innen vorgenommenen Historisierung dieses neuen Wissenschaftsformats wird verstärkt auf Kunstformen – wie etwa den Essay Film – als Vorgänger hingewiesen (Álvarez-López/Martin 2014). Mindestens ebenso evident, so argumentiert dieser Beitrag, ist jedoch eine fankulturelle Tradition des ‚Vidding’ (vgl. Coppa 2008).

In einer historischen Perspektive und unter Zuhilfenahme netnografischer Methodik vergleicht der Beitrag das Video Boot Camp – eine fankulturelle Kollaboration zum Transfer von Filmschnittkenntnissen, das bis 2004 online stattfand – mit dem Videographic Criticism Workshop der Middelbury University aus dem Jahr 2015, der eine ähnliche Zielsetzung hatte. Der Vergleich der jeweiligen Produktionsbedingungen und geführten Rhetorik ermöglicht wesentliche Einblicke in die Ästhetisierung und Mediatisierung kontemporärer Kritikformen, sowie in Legitimations- und (hoch)kulturelle Distinktionsbestrebungen ihrer Produzierenden.

Kurzbiografie: Dr. Sophie G. Einwächter promovierte 2013 an der Goethe-Universität Frankfurt mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung und einer Dissertationsschrift zur Rolle von Fans innerhalb der Kulturwirtschaft („Transformationen von Fankultur. Organisatorische und ökonomische Konsequenzen globaler Vernetzung“, CC-lizensiert online, 2014). Sie ist seit 2012 Vorstandsmitglied des European Network for Cinema and Media Studies (NECS), Gründerin der europäischen „Fan Studies Workgroup“, sowie Gründungsmitglied der AG Partizipations- und Fanforschung. Sie war an den Universitäten Bochum, Frankfurt und Mannheim beschäftigt und ist ab April 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.

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