Organisation: Dr. Vera Cuntz-Leng, Dr. Sophie G. Einwächter und Dr. Sven Stollfuß

Protokoll: Magdalena Götz, Vanessa Ossa

Partizipation besitzt für Medienrezipient_innen (in intensivierter Form auch: Fans) unterschiedliche kulturelle, soziale und mediale Implikationen, welche zu untersuchen die AG Partizipations- und Fanforschung sich zur Aufgabe gemacht hat. Der erste Workshop der AG Aktuelle Positionen der (inter-)nationalen Partizipations- und Fanforschung, der am 20. Mai 2016 an der Philipps-Universität in Marburg stattfand, setzte sich zum Ziel, das Feld gemeinsam zu sondieren und Schlüsseltexte zu besprechen. Im Mittelpunkt standen dabei die Diskussion über unterschiedliche Auffassungen von Teilhabe im Kontext einer participatory (media) culture und die in diesem Zusammenhang virulent werdenden Machtverhältnisse zwischen etablierten Medien und Akteu­r_innen sowie veränderte Mechanismen gegenseitiger Abhängigkeit oder Ausbeutung.

Nach der Vorstellung der Anwesenden und Informationen zur AG sah das Format des Workshops eine Reihe von Textvorstellungen und -diskussionen vor. Die fünf Textvorstellungen waren unterteilt in zwei Teile: ersterer zur Partizipationsforschung, zweiterer zur Fanforschung. Wissenschaftler_innen, die sich gegenwärtig mit Themen der Partizipations- und Fanforschung beschäftigen, schlugen Texte vor, übernahmen die Textpatenschaft sowie die Diskussionsleitung. Die betreffenden Texte wurden allen Teilnehmer_innen vorab digital zugänglich gemacht, sodass rege Diskussionen stattfinden konnten.

Teil I: Partizipationsforschung

Im ersten Workshop-Teil zur Partizipationsforschung stellte zunächst Rafael Bienia (Maastricht) Bruno Latours Text „Networks, societies, spheres: Reflections of an actor-network theorist“ (2011) vor. Mit dem Grundsatz „Folge dem Aktanten!“ („follow the acteur“) betrachtet die ANT das Netzwerk als Prozess, in dem Gesellschaft und Individuen nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Diskussionen entwickelten sich insbesondere um unterschiedliche Verständnisse des Partizipationsbegriffs vor dem Hintergrund der jeweiligen Akteur_innen. Einigkeit herrschte über ein Plädoyer, im Diskurs um Partizipation und dessen Begriffs- und Konzeptbestimmungen nicht normativ vorzugehen.

Renate Lucke (Bayreuth) stellte den Text „Mode of Action Perspective to Engagements with Social Media: Articulating Activities on the Public Platforms of Wikipedia and YouTube (2012)” von Seija Ridell vor. In den Fokus stellt sie die Frage, wie verschiedene Handlungen und Rollen von Nutzer_innen fassbar werden können. Weiter hinterfragt sie, ob Motive von Handelnden überhaupt greifbar und folglich notwendig seien, um über Handlungen zu sprechen. Vor- und Nachteile von Hybridkonzepten wie „Produser“, „Viewser“ oder „Prosumer“ wurden diskutiert. Erörtert wurde auch die Übertragbarkeit von Konzepten, die Kontexten der Massenmedien entstammen, auf die Strukturen von sozialen Medien und Internet.

Teil II: Fanforschung

Der erste Block zum Themenkomplex der Fanforschung führte zu den sozio-ökonomischen Aspekten von Partizipation im Allgemeinen und Fankultur im Besonderen. Dagmar Hoffmann und Wolfgang Reißmann (Siegen) stellten zunächst mit dem Text „Exploiting YouTube: Contradictions of User-Generated Labor“ von Mark Andrejevic das oftmals euphorische Narrativ des „aktiven Nutzers“ in Frage. Die Kommerzialisierung von Nutzerkulturen für industrielle Interessen zeigt sich deutlich am Beispiel YouTube. Die AG diskutierte die Verbindung von auf freiwilliger Basis und bewusst generiertem „User-Generated-Content“ und den parallel abgefragten „User-Generated-Data“.

Durch die Zusammensetzung der AG aus Partizipationsforschung und Fan Studies ergab sich eine fruchtbare Gegenüberstellung von einerseits industriellen Strategien, die Partizipationskulturen für kommerzielle Zwecke nutzbar machen und andererseits den Fangruppen, die sich in zunehmender Professionalisierung ihrer Praktiken selbst einer ökonomischen Marktlogik unterwerfen.

An diese Diskussion schloss der zweite Text des Blockes an: „Should Fan Fiction Be Free?“ von Abigail de Kosnik. Es zeigt sich, dass die zumeist weiblichen Autor_innen von Fanfiction nur wenig Interesse an einer Kommerzialisierung ihrer Texte haben, dass jedoch Sorge vor einer industriellen Übernahme der digitalen Infrastrukturen für Fanfiction bestehe. Die AG diskutierte insbesondere den Gender-Aspekt von immaterieller Arbeit und daran geknüpft die eigene Verantwortlichkeit, den scheinbar intrinsischen Motivationen der Fans kritisch nachzugehen.

Im letzten Block stellte Sophie Einwächter (Marburg) Matt Hills’ Text: „`Proper Distance´ in the Ethical Positioning of Scholar-Fandoms: Between Academics’ and Fans’ Moral Economies?“ vor. Hills problematisiert die Unterscheidung von Fans und Akademiker_innen in distinkte Kategorien und schlägt stattdessen das Konzept einer „Proper Distance“ dem Gegenstand gegenüber vor. Dies regte einen Austausch über unterschiedliche Forschungskulturen und die Anschlussfähigkeit der Fan Studies an die deutsche Medienwissenschaft an.

Zusammenfassend wurden im ersten Teil mit der ANT neue Methoden für die Medienwissenschaft diskutiert, während die Auseinandersetzung mit Seija Ridell zu der Frage nach präzisen Begrifflichkeiten und deren transmediale Übertragbarkeit führte. Im zweiten Teil richtete sich der Blick auf sozio-ökonomische Konsequenzen der Partizipations- und Fankultur und die Rolle der Wissenschaft. Dies wurde sowohl in Bezug auf soziale Verantwortung des Feldes gegenüber als auch in Bezug auf das Konzept der „Proper Distance“ angeregt diskutiert.

 

Foto: S. Einwächter

 

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